1 Mio. Zeichen: Es funktioniert.

Aktuell sitze ich ja an meiner Logline-From-Hell-Challenge – und sie funktioniert! Spontane Stoffeingebungen werden sofort nach eingebauten Widersprüchlichkeiten abgeklopft, entsprechend geändert und deutlich besser und bekommen dadurch allein schon einen Drall, der einen dazu bewegt, sich mit ihnen weiter zu beschäftigen. Ich nehme auch Texte und Filme anders war und klopfe diese auf die von Snyder verlangte Ironie ab. Und wen wundert’s: Formate wie etwa Homeland oder Die Sopranos funktionieren zu einem guten Teil nach diesem Prinzip. Noch bin ich nicht ganz fertig damit. Mal schauen, wie es danach weitergeht.

… die Hip-Hop-Text-Challenge bringt fürs eigentliche Texten eher weniger, aber – und deswegen werde ich sie weitermachen – eine der Loglines ist so gut, dass ich beschlossen habe, daraus ein Drehbuch zu machen. Nachdem aber eine der Figuren darin Rapper ist und ich die Texte nicht outsourcen will, werde ich weiter Linien zimmern, bis die Pinien wimmern.

Yeah … Haus-Maus-Reime …

Erste Runde – und nur Schrott dabei

Die erste Runde meines 1.000.000 Zeichen-Projektes ist rum. Ich hatte mir vorgenommen, zwei Aufgabenstellungen gleichzeitig zu bearbeiten.

Aristoteles und die drei Nackten

Die erste Aufgabe war, entsprechend der aristotelischen Dramenstruktur (Anfang, Mitte, Ende; beziehungsweise Exposition, Komplikation, Auflösung) kleine Geschichten oder Szenen zu gestalten. Ob das was gebracht hat? Bin ich mir nicht so sicher. Was ich aber gemerkt habe, ist, dass sich diese Dreiteilung wunderbar skalieren lässt. Soll heißen: Man kann eine ganze Geschichte, aber auch eine Szene oder einen Abschnitt einer Geschichte (Anfang, Mitte, Ende) in drei Akten erzählen. Selbst in Szenen lässt sich diese Dreiaktigkeit in einzelnen Abschnitten entdecken (Robert McKee würde dazu Story Beats sagen – als Hinweis für die, denen das was sagt). Wer also mal nicht mehr weiter weiß mit seinem Roman, Hörspiel oder Drehbuch, sollte sich doch einfach mal die Fragen stellen: Wo bin ich in meiner Dreierabfolge und auf welcher Unterebene?

Wer Raptexte schreibt, der aufs heftigste bleibt

Mit diesen kleinen Skizzen lande ich meist so um die 1.500er Marke – bleibt also noch Luft für weitere Textverbrechen. Da Gedichte schreiben irgendwie out ist, ich aber eine sehr geheime Vorliebe für deutschen Rap habe, ist die zweite Aufgabenstellung Raptexte zu schreiben. Ich versuche mich also munter an heiteren Reimketten, die aber im weiteren keinen retten. Soll heißen: Ich schreibe momentan eher locker-flockig in die Tastatur, als konkrete Texte mit Strophe und Refrain zu basteln. Mal sehen, wie sich die Aufgabenstellung noch entwickelt. Nach einer ersten Freischreibphase könnte ich mich jetzt eigentlich mal einem Thema widmen.

Kannstes nicht? Mach’s öfter!

Was auffällt: Wenn man eine Sache öfters macht, wird man darin auch besser. Keine wirklich neue Erkenntnis, aber vielleicht eine für den ein oder anderen Autor. Soll heißen: Jeder hat Defizite – die einen sind die Monsterplotter, die anderen hauen Hammerdialoge raus. Diesen persönlichen Präsuppositionen ist man also nicht ausgeliefert, sondern kann munter daran arbeiten.

Der nächste Gang

Da die Dreiakter rum sind und ich gerade Save The Cat lese, habe ich beschlossen, mich der von Snyder vorgeschlagenen loglines from hell anzunehmen. Anforderung: Sie müssen ironisch sein und aus einem Satz bestehen (wobei Ironie für Snyder mehr so etwas wie Widersprüchlichkeit bedeutet. Denke ich mir, die Dudendefinition macht in seinem Kontext keinen wirklichen Sinn*). Es gibt noch ein paar andere Anforderungen, aber denen werde ich mich mit der Zeit stellen. Diese Widersprüchlichkeit herzustellen, die er verlangt, ist nicht so einfach.

*Ja, Dinge können Sinn machen. Oder eigentlich vielmehr Systeme. Fragen Sie Niklas Luhmann!

Das 1.000.000-Zeichen-Projekt

In nahezu jeder Kunstform gibt es das Konzept des Übens. Egal ob Tanz, Musik oder Zeichnen – der Kunstschaffende muss gewisse Aufgabenstellungen erledigen, die in ihrer Komplexität aufeinander aufbauen, beziehungsweise fortschreiten, um besser zu werden. Nur an den Autoren ist das so ein bisschen vorbeigegangen. Fragt man Kollegen, so stößt man gerade zu Beginn der Karriere auf eine gewisse Probier- und Findungsphase. Mit Finden eines kreativen Arbeitsfeldes wird dies jedoch abgestellt. Das Sonette- und Haiku-Schreiben wird für Drehbücher, Romane und den »großen Wurf« hintenangestellt. Eigentlich Käse.

Übertrag von Kunst zu Kunst

Wie schonmal angedeutet, mache ich nebenbei Musik. Unterzieht man dieses Feld mal einer genaueren Betrachtung, so stellt man fest, dass man als Musiker gut ohne das bewusste Können und Kennen einer C-Dur-Tonleiter auskommt. Man stellt aber auch fest, dass in diesem Fall die eigene künstlerische Ausdrucksfähigkeit sehr zu wünschen übrig lässt. Basierend auf dieser Erkenntnis habe ich 2013 eine größere Menge (um genau zu sein: 108) Haikus geschrieben, um zu sehen, was mit meinen Schreibfähigkeiten überhaupt passiert, wenn ich mich an literarischen Formen außerhalb meines schreiberischen Interesses versuche. Die Überraschung war groß: Texte gingen flotter von der Hand, lasen sich ansprechender und mein Schreibtempo war (zumindest subjektiv) deutlich erhöht. Doch bei diesem einen Versuch blieb es. Einige Zeit später las ich in einem Autorenforum, dass sich etwa alle 400.000 bis 500.000 Zeichen das eigene Schreiben verbessern würde. Ich weiß nicht, wie viel daran wahr ist – aber ausprobieren kann man es ja mal.

1.000.000 Zeichen

Da ja momentan Jahresendzeitstimmung ist und fleißig und munter gute Vorsätze zum baldigen Verwerfen gefasst werden, habe ich beschlossen, mich dem anzuschließen: Neben meiner normalen Arbeit als professioneller Buchstabenschubser/-dompteur werde ich 2016 1.000.000 Zeichen »produzieren« – anhand vorher festgelegter Aufgabenstellungen und einer genauen Wiederholungszahl. Die täglich zu produzierende Zeichenzahl liegt bei 2740 (1.000.000/366, großzügig aufgerundet). Für mich habe ich als Regel aufgestellt, dass ich die eine Million am 31.12.2016 haben muss. Ich darf also auf Vorrat schreiben, beziehungsweise kann auch an einzelnen Tagen mehr Text als den angegebenen Durchschnitt produzieren. Diese Regel gibt es, damit ich bei Last-Minute-Projekten, die mehr der Verbesserung meines Finanz- als meines Fähigkeitenstandes dienen, nicht in die Bredouille komme.

Wie der Blog dieses Vorhaben widerspiegeln wird, weiß ich noch nicht ganz. Vielleicht werde ich ein Sammelsurium der lustigsten, besten oder schlechtesten Zeilen hier veröffentlichen. Vielleicht werden sich hier nur die Aufgabenstellungen wiederfinden und was ich mir dabei denke oder erhoffe. Vielleicht analysiere ich hier aber auch nur meine Erkenntnisse. Um so ominös wie irgend möglich zu enden: Die Zukunft wird es zeigen.

Bis dahin wünsche ich allen Leserinnen und Lesern einen guten Rutsch und einen guten Start in ein hoffentlich buchstabenreiches 2016!

Der Agent mit der Lizenz zur Wiederholung

Es gibt mal wieder einen Bond-Film. Wer das trotz laufender Marketing-Maschinerie nicht mitbekommen hat, war die letzten Wochen wahrscheinlich entweder verschollen auf dem Mars oder zumindest im Amazonas ohne W-LAN.

Na … Schon dieses Smartphone gekauft … oder dieses komische Rasierzeug? Egal! Weiter im Text.

Spectre glänzt mit der Variation des Bekannten:

Schöne Frauen? Naja, Schönheit liegt bekanntermaßen im Auge des Betrachters, aber wenn man sich an gesellschaftlichen Standards orientiert, kann man durchaus sagen: Check! Wobei … Moneypenny ist echt süß … und ach ja … es gibt das erste ältere Bond-Girl … Aber Whiskey Tango Foxtrott!?! Nur mal so zu Erinnerung an die Medien: Auch Menschen älteren Geschlechts hüpfen gerne mit einem Komplizen durch Federbetten. Ein Blick auf diverse Statistiken sollte das anschaulich illustrieren. Ja, ich könnte was verlinken, habe aber keinen Bock.

Tolle Schauplätze? CHECK. Unter anderem Südamerika, Rom und Marokko geben sich als Spielplatz für den Agent mit der Lizenz zum Töten her. Mich würde mal interessieren, welche Aussagen die Orte in den Bond-Filmen in einer Drehbuchaufstellung tätigen würden. “Er hat mich benutzt”? “Mir ist langweilig”? “Laaaaaaaaaangweilig”? Nächstes Thema …

Action? CHECK. Kopfüber aus dem Hubschrauber? Im Auto in halsbrecherischem Tempo durch Rom? Schlägerei im Zug? Alles dabei. Zwar alles packend inszeniert und man kann sich dem flott geschnittenen Spektakel kaum entziehen – aber irgendwie ist dieses Action-Gedöns eine muntere Repetition des Existierenden.

Schlechter Krimi? Doppel-CHECK. Während in wirklichen Krimis munter und unter Aufwendung aller Logik-Richtlinien gepuzzlet und ermittelt wird, macht James Bond seine Arbeit schon arg halbgar. Hier was aufgeschnappt, dort jemand etwas abgerungen. Bondfilme sind ein stetes Stolpern vom Ungewissen ins nächste Ungewisse. Was natürlich zur Spannung beiträgt, aber nicht wirklich etwas mit Geheimdienstarbeit zu tun hat. Hoffe ich. Wobei … Wenn man mal den Blick auf das reale Leben wirft …

Kleine Neuheit: Der Oberschurke wird am Ende nicht umgebracht. Schade, das Christoph Waltz hier nicht pedal to the metal schauspielern darf. Er hat einige wenige große Momente, als übergeschnappter österreichischer Superschurke, aber leider ruft die Regie hier nicht das volle Potential ab.

Kurzum: Der ich-weiß-nicht-wievielte Bond ist ein ganz sehenswertes Spektakel, aber er ist schneller vergessen als Casino Royale und Skyfall.

Vorstadtweiber – The Austrian Desperate Housewives

Gestern präsentierte das Erste die österreichische Variante der verzweifelten Hausfrauen. Feuer frei!

Die Vorstadtweiber sind ein Rudel mehr oder minder hysterischer Hausfrauen, die in der ersten Folge Dessous, Sexspielzeug und gefälschte Designerklamotten kaufen – und dem Rezensenten irgendwie sonst wo vorbeigehen.
Ich würde mich jetzt gerne heiter, munter und eloquent über den Reigen der Damen auslassen – doch allein die Namen der Hauptfiguren waren mir schon nicht mal mehr während des Sehens geläufig. Warum auch? Mir hat ein Pilot noch nie so sehr vermittelt, dass eigentlich egal ist, wer wer ist (an dieser Stelle kann man auch das Wort mit SCH vor das egal setzen).
Mein erster Kontakt mit den Hauptfiguren geschieht bei einer Dessous-Shopping-Party im Haus der Biedersten dieser Vorstadtclique. Das einzige was hier wirklich hängenbleibt ist, dass alle irgendwie Probleme im Bett haben. Zuwenig, zuviel, nicht mir ihr? Keine Ahnung.
Im weiteren Verlauf stellt der Film dann den munteren, außerehelichen Liebesreigen vor: Die eine mit dem Sohn von der andere, deren Mann aber nicht mit ihr schläft. Die andere mit dem einen, der mit ihrem Mann befreundet ist – und irgendwie kommt auch noch ein zum Porno masturbierender Ehemann vor, der auf seine Frau keine Lust hat, weil sie irgendwelche Zuckerkringel um den Hals hängen hat. Oh … Das ist die, deren Sohn … Egal … Aber gut: Bei den Zuckerkringeln würde es mir auch vergehen.

Manchmal frage ich mich, wie sehr Autoren ihre Figuren hassen, dass sie ihnen so etwas antun? Weiter im Text.

In der ersten Folge von die Großstadtweiber geht’s im Prinzip eigentlich nur um Sex. Darum ging’s auch immer irgendwie in Sex And The City und auch ein bisschen in Desperate Housewives. Aber die weiblichen Hauptfiguren im österreichischen Pendant werden darauf reduziert. Verhandeln die genannten amerikanischen Serien noch andere Themen wie etwa Nachbarschaft, Freundschaft oder Familienzusammengehörigkeit, spart man das hier aus. Frauen auf ihre Fortpflanzungsorgane zu reduzieren ist extrem mau. Und dabei gibt es wirklich intelligente Themen, die angeboten oder angedeutet werden: Die arbeitslose Ex-Dauerhausfrau, ein vielleicht pornosüchtiger Ehemann oder der angedeutete Spezlwirtschaft-Plot. Aber der ist auch so eine Sache.

Irgendwie geht’s da um eine Autobahn und man könnte ordentlich Geld machen und natürlich wollen sich alle Beteiligten am Komplott gegenseitig über den Tisch ziehen und brauchen einander trotzdem – aber der Film entlässt einen furchtbar unbefriedigt. Um was geht’s da eigentlich? Und das meine ich nicht nur inhaltlich, sondern was steht da auf dem Spiel? Auch diese ganzen Beziehungsdinger der Hauptfiguren – wo ist da dieses lästige dramaturgische Ding, dass man Fallhöhe nennt? Ja, es versteckt sich irgendwo kleinteilig im Plot, aber hey … Irgendwie scheint das alles nicht wichtig …

Der Drehbuchautor hat in einem Interview berichtet, dass er eigentlich nur den Titel als Vorgabe hatte und ansonsten freie Hand. Hmmm … Vor einiger Zeit – so munkelt man – waren einige deutsche Produzenten und Autoren bei Netflix, um Serienideen zu pitchen. Wenn allein dieser Pilot ein Beispiel dafür ist, zu was deutsche Drehbuchautoren in der Lage sind, wenn man sie mal machen lässt, ist es kein Wunder, dass die deutschen Emissäre unverrichteter Dinge wieder zurückkamen.

Aside

An alle zweifelnden Schreiber oder schreibenden Zweifler

Ich arbeite ja als Ghostwriter. Oder – um das zu konkretisieren -: Ich schreibe Bücher und andere tun dann so, als hätten Sie die geschrieben.

Das Buch ist auch im Internet-Zeitalter noch ein Statussymbol: Man ist Autor. Ein Verlag hat einen für würdig und den eigenen Standpunkt für relevant befunden. Man wird zur öffentlichen Person. Viele Menschen erleben das Geschriebene als Bereicherung ihres Lebens.

Aus diesem komplexen Gemisch füttert sich die Psyche nahezu jeden Autors. Egal ob er selbst schreibt, sich coachen lässt oder gleich einen Profibuchstabenschubser wie mich engagiert.

Meine Arbeit lässt sich durchaus als ständiges Konkretisieren verstehen: Irgendjemand hat eine Buchidee, ein paar Geschichtchen und eine grobe Struktur und ich überführe diese in ein konkretes Produkt – das Buch. Hin und wieder erlebe ich auch Anfragen, die nur aus einer Idee bestehen. Auch hier wird eine Konkretisierung von mir verlangt. Mit einigem gezieltem Anstubsen und Nachfragen entpuppen sich die Anfragenden dann als wahre Wissenswunderquelle, von der man – um im Bild zu bleiben – ordentlich abzapfen kann.

Manchmal stelle ich aber auch fest – in einigen wenigen Fällen -, dass ich nach einem Blick in die entsprechende Fachliteratur mehr Ahnung oder zumindest Überblick über ein Themengebiet habe, als der eigentliche Spezialist.

Ich will das hier gar nicht werten, aber mir ist etwas interessantes aufgefallen, das gerade für Fictionschreiber gilt: Diese texten gerne noch einmal hier, noch einmal da rum. Der Anfang passt nicht. Der Mittelteil auch nicht und das Ende? Oh mein Gott.
Ist man dann soweit, gestaltet sich das Wegschicken an Verlage und Filmproduktionen nochmal als psychologischer Hürdenlauf auf der Skala von “Was, wenn die das nicht gut finden?” bis “Ich bin nicht würdig!”.

All diesen Kollegen sei hier gesagt: Wenn jemand bereit ist, mir einen nicht unbedeutenden fünfstelligen Betrag zu zahlen, um ihm eine ganze Gedanken- und Thesenwelt in Form eines Buches aus dem Nichts zu errichten, dann könnt Ihr auch die Stoffe, die Ihr liebt, um die Ihr Euch sorgt, die Ihr behutsam aufgezogen habt, in die raue Welt schicken.

Video

Auf dem Weg zum Schreibtisch-Hulk

Schreiben – beziehungsweise das konsequente Bedienen einer Tastatur – ist ja doch einigermaßen einseitig für die Fingermuskulatur. Macht man neben der Schreiberei noch etwas “handintensives” – ein Instrument spielen etwa – kann die Belastung schnell einseitig werden. Diese Übung habe ich mal eher durch Zufall entdeckt und nach regelmäßiger Ausführung eine Sehnengeschichte kuriert, an der zuvor ein Arzt etwas hilflos dran”rumverschrieben” hatte:

Ein kurzer und dezenter Hinweis: Ich Autor, nix Arzt. Du machen – Du selber verantwortlich.

Fitnesstipps für Schreibtischbuckler … ääh … Autoren

Der gemeine Homo autoris buckelt. Manchmal etwas unfreiwillig vor seinen Auftraggebern – viel öfter aber vor seinem Rechner. Oder vielmehr seinen Geschichten. Das Joch aus imaginären Lebensläufen, Plotfäden und Fragen der stilistischen Richtigkeit kann einen mächtig nach unten drücken. Gescheit, wer hier vorbeugt und sich die Kugel gibt.

Die Kugelhantel – oder neudeutsch: Kettlebell – ist so etwas wie ein aktueller Fitnesstrend, der sich selbst im Keim erstickt, weil: der Umgang mit den Kanonenkugeln mit Griff ist nicht immer leicht zu erlernen. Um die Kugeln richtig durch die Gegend zu swingen, zu snatchen (alles Kettlebell-Lingo hier) und mit ihr über sich aufzustehen, bedarf es einer gehörigen Technikschulung. Wer sich darauf einlässt, profitiert vielerorten. Er wird schlanker, fit wie nie zuvor, bekommt eine bessere Haltung und lernt eine faszinierende Sache: Wenn man eine 32kg-Kugel überkopf stabilisieren und mit ihr aufstehen kann, kann man sich noch mit ganz anderen Gewichten von unten nach oben bewegen. Soviel zu einem kurzen Anfall von Küchenpsychologie.
Wer einfach nur die Schnauze voll hat von immer wieder auftauchenden Rückenschmerzen und Schulterproblemen, der wird in der Kettlebell auch sein Heil finden.

Zur Vorgehensweise:

Kugeln gibt’s hier: http://www.kettlebellshop.de/ oder bei Amazon. Wichtiger Hinweis: Es gibt einen Haufen Kugelmarken da draußen – und nur eine ist die richtige. Die Kugeln von Dragon Door haben zwar keine lackierte Oberfläche, die sich schonend auf die Beanspruchung der Griffkraft ausübt, sind aber ansonsten für ein blasenfreies und hautschonendes Arbeiten mit der Kugel gemacht – dafür lohnt sich der Preisunterschied.
Männer steigen am besten mit einer 16kg-Kugel ein, Frauen mit einer 10kg- oder 12kg-Kugel – das ist so die Regel (bessere Infos kann aber ein Kettlebell-Trainer geben und nicht ich!).

Kurse gibt’s hier: http://rkckettlebell.de/Home.aspx – einfach suchen. Da die Kettlebell aktuell in der Fitnessbranche boomt, wird die ein oder andere Zertifizierung auf den Markt geworfen, bei der man sich nicht so recht sicher sein kann, ob die was taugt. Die RKC-zertifizierten Jungs und Mädels sind davon weit entfernt – man befindet sich also in kompetenten Händen.

Wie? Wo? Was? Um die Gaudi mal zu testen, bucht man erstmal ein Enter-The-Kettlebell-Seminar und schaut dann, was weiter angeboten wird. Hier im Süden gibt es dreimonatige Anfängerkurse. Wie es anderswo aussieht, weiß ich leider nicht (kann man aber der RKC-Seite entnehmen).

Für alle die den Tipp hier etwas abstrakt finden: Ich bin auf drei verschiedenen Laufrunden unterwegs (wenn ich von “laufen” reden, dann heißt das für andere Leute “joggen”). Eine kleine für den Anfang der Laufsaison, um wieder in Form zu kommen und Kondition aufzubauen. Eine mittlere für “in der Saison” – für die brauchte ich in der Regel eine halbe Stunde. Letztendlich gibt es noch eine große Runde – bei der ich gute 40 Minuten unterwegs war.
Ich war im Juni/Juli letzten Jahres das erste Mal nach fast einem Jahr wieder joggen und hatte das Jahr zuvor nur Swings mit der Kettlebell trainiert. Um mal zu testen, was mit dem Kügelchen so möglich ist, bin ich gleich auf die große Runde – und war nach einer halben Stunde wieder zuhause. Es bringt also schon ein bisschen was …🙂

Repetitivität auf allen Ebenen: Dinner For One

Die NDR-Produktion ‘Dinner For One’ überrascht erneut mit einer zeitgemäß geführten Diskussion des Themas der Repetitivität – und das auf den verschiedensten Ebenen.

Alljährlich an Silvester versendet, weist es in seiner zeitlosen Güte und Qualität auf die allgemeine Wiederholbarkeit des Mediums Fernsehen hin. Die Fernseharchive quellen über vor versendbarem Material. Sender-“Neueröffnungen” wie ProSiebenMAXX oder der Sat1-Ableger Sat1Gold sind fernsehwellen-gewordene Beispiele dieser Symptomatik, die ‘Dinner For One’ jedes Jahr aufs Neue anprangert: Der x-te Aufguss des Bewährten soll Zielgruppen und die Geldbeutel der Senderverantwortlichen gleichermaßen versorgen. In anachronistischem Schwarz-Weiß gehalten, wird ‘Dinner For One’ so zu einem Spiegelbild hypermoderner Wiederholungsprogrammierung.

Doch hier hört es nicht auf. Nachahmer des Originals gibt es viele: Versionen mit Ralf Schmitz, Annette Frier oder dem regelbrechenden Performancekünstler Otto wiederholen das Werk und weisen auf den dramatischen Missstand des repetitiven Erzählens hin. Meta-medial prangert das Werk so die Einfallslosigkeit des Fiction-produzierenden Gewerbes an. In immer neuen Verkleidungen und Formen werden dieselben Muster und Abfolgen wiederholt. Hier will das Werk mit dem erhobenen Zeigefinger wachrütteln: Auch auf der Plotebene wird diesem Ansinnen Rechnung getragen.

Inhaltlich besteht ‘Dinner for One’ nur aus Wiederholungen und deren Variationen: Der 90. Geburtstag von Miss Sophie. Das Geburtstagsessen, das in vier Gängen serviert wird und die damit verbundenen wiederholten Gänge und Aktionen des Butler James. Die Frage nach “the same procedure as last year” und die entsprechende Antwort “the same procedure as every year”. James’ Stolpern über den Tigerkopf. Das in seinen Grundkonstanten immer gleiche Servieren und Einschenken durch den Butler.

‘Dinner For One’ möchte durch die Überwiederholung und der damit verbundenen Variation seiner Handlungselemente auf die Endlichkeit menschlichen Erzählens hinweisen. Wendet sich das Erzählen im Mainstream nicht endlichen avantgardistischen Elementen zu, wird die Wiederholung der Wiederholung der Wiederholung zum Standard und bittet weitere Grundlagen für Wiederholungen.
‘Dinner For One’ – ein Werk aus einer anderen Zeit, das aktueller nicht sein könnte.

Und jetzt ganz ohne Augenzwinkern: ansichtskartenvomschreiben wünscht allen seinen Lesern ein gutes Neues Jahr mit vielen kleinen und großen Erfolgen – und wenn die nicht kommen: gute Nerven, Durchhaltevermögen und den Mut, Mauern einzureißen – entweder eigene oder fremde.

Welterfinder gesucht? – Nicht wirklich

Im Feuilleton der heutigen SZ sucht Tobias Kniebe Welterfinder – oder um es anders zu formulieren: Er bemängelt die Einfallslosigkeit des Hollywoodkinos, das mit seinen Sequels und Spin Offs in seinen Augen bis “gefühlt ungefähr […| zur Frührente” ausgestaltet ist.
Kniebe bemängelt den Ausbau der Filmuniversen von Marvel und DC durch weitere Filme und weist auch auf die Avatar-Fortsetzungen hin. Ihm wäre es lieber, wenn “kollektive Träume [ent]fach[t] werden”. Als Beispiele für diese Kategorie nennt er den Film E.T. Gegen Ende des Artikels wirft er mit Namen wie Ridley Scott, Martin Scorsese und Christopher Nolan um sich, die für ihn die Kriterien des Kollektiv-Traum-Entfacher-Films repräsentieren.

Meine Antwort auf diese Darstellung ist anekdotischer Natur und bietet wenig Platz für Empirie, dennoch: Ein Film, den ich letztes Jahr geschrieben habe, war für den Camgaroo-Preis nominiert. Im Rahmen der Preisverleihung wurden auch zahlreiche Filme anderer Wettbewerbsteilnehmer gezeigt. Das Niveau war wirklich hoch. Gerade “ältere” Filmemacher, also die Zwanzigjährigen, produzierten in der Regel Kurzfilme auf Kinoniveau.
Die gesuchten Welterfinder gibt es also sehr wohl. Der Filmer-Nachwuchs in Deutschland macht, ackert, produziert und – wenn er nicht an einer Hochschule studiert – finanziert seine Filme mühsam selbst. Was fehlt sind große Plattformen – oder Feuerstellen – um Träume entfachen zu können. Dass sich die SZ gegen den Einheitsbrei aus Hollywood stemmt, sei ihr hoch angerechnet. Doch besser wäre es, nicht nur zu negieren, sondern auch zu bejahen: Wer sagt, wo man nicht hinschauen soll, soll bitte auch sagen, wohin der Blick sich lohnt. Martin Scorsese kennt jeder. Wer Dennis Winter, Samuel Härtl oder Steffen Schmidt sind, wissen dagegen nicht so viele.
Anstelle launiger Artikel über “[w]er was ernstnimmt” ließe sich auf der SZ-Frontseite des Feuilletons der ein oder andere Filmemacher vorstellen. Damit würde man vielleicht den ein oder anderen Welterfinder sogar finden und nicht nur – pardon my french – rumheulen.